Hoffnung als unternehmerische Aufgabe
Von Dr. Christopher Gohl, Mitglied im Beirat des Andechser Kreises
„Quellen der Hoffnung“ – so hieß das Jahresthema 2023 des Weltethos-Instituts. Was ich in Konferenzen und Vorlesungen dazu gelernt habe, fasse ich hier für interessierte Mitglieder des Andechser Kreis zusammen.
Hoffnung bewegt uns
Eine Beobachtung: Wenn uns die Verzweiflung erfasst, dann macht sie uns klein. Sie hält uns gefangen, lähmt unsere Glieder, verengt unseren Blick. Wir ziehen uns zusammen, ducken uns, werden eng. Wer verzweifelt, friert mitten im Fluss des Lebens ein. Aber die Hoffnung bewirkt das Gegenteil. Wenn sie aufkeimt, macht sie uns größer. Sie öffnet, aktiviert, befreit und ermächtigt uns. Wer hofft, richtet sich auf, streckt sich aus, greift nach vorne. Hoffnung bewegt: sie ist ein Strom, der uns über uns selbst hinausträgt in eine größere Welt hinein. Dass uns Verzweiflung und Hoffnung körperlich erfassen, verdient Beachtung: Hoffnung ist nicht nur ein Gedanke, den wir uns vorstellen, oder ein Gefühl, das uns widerfährt. Sondern Hoffnung ist eine Haltung, die uns einnimmt und die wir auch selbst einnehmen können. Wer hofft, beträgt sich aufrechter, offener, beweglicher als Menschen, die verzweifeln. Ihre Körperlichkeit zeigt uns, dass Hoffnung nicht einfach ein Fantasieflug der Gedanken ist, sondern eine körperliche Verfassung.
Mehr als sonniger Optimismus: Wer hofft, wartet nicht. Und wer nur wartet, hofft nicht.
Hoffnung ist deshalb mehr als jene sonnige Stimmung des Gemüts, die wir Optimismus nennen. Darauf hat Großbritanniens ehemaliger Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks in seinem wunderbaren Buch The Politics of Hope hingewiesen: Der Optimist erwartet ohne weiteres Zutun von der Zukunft eine gute Bescherung. Er rechnet damit, dass die Dinge sich schon irgendwie zum Guten wenden werden – von selbst, durch glückliche Fügung oder durch den überraschenden Lauf der Geschichte. Wo diese Erwartung enttäuscht wird, droht nicht nur Verzweiflung, sondern auch die Furcht – und Furcht, so Sacks, kann mobilisieren, aber sie baut nichts auf.
Hoffnung wirkt anders. Sie setzt der unsicheren und manchmal bedrohlichen Zukunft ein Dennoch entgegen. Das Dennoch drängt zum Handeln. Wer hofft, wartet nicht einfach. Sondern wer hofft, greift vor und holt das, was besser werden könnte, schon jetzt als Erfahrung, Motivation und Orientierung eigenen Handelns in die Gegenwart. Ja: Optimismus kann eine hilfreiche Grunddisposition sein, weil sie mit der Möglichkeit des Guten rechnet und sogar Energie für Engagement freisetzt. Aber erst die reife Hoffnung verbindet die Grundenergie des Optimismus mit drei weiteren Elementen, die zusammenspielen müssen:
- Realitätssinn: Das ist ein nüchternes, klares Verständnis der Welt, wie sie tatsächlich ist, mit all ihren Widerständen, Begrenzungen und Gefahren. Die Hoffnung verleugnet nicht, was ist. Sie sieht die Schwierigkeiten, die Risiken, die Ungewissheiten. Ohne diesen Realitätssinn wird Hoffnung zur Illusion.
- Möglichkeitssinn: Das ist die lebendige Vorstellung dessen, was besser werden könnte. Dieser Sinn speist sich aus Erfahrungen gelungener Veränderung, aus Geschichten eingetretener Hoffnungen, aus Bildern einer wertgeschätzten Zukunft. Ohne diesen Möglichkeitssinn fehlt der Hoffnung ihr Ziel.
- Praktisches Wissen: das Verständnis dafür, wie das Bessere in konkreten Handlungsschritten, Handlungspfaden und Handlungspraktiken auch tatsächlich erreicht werden kann. Ohne dieses praktische Wissen bleibt Hoffnung eine ferne Serenade, ein schöner Traum, der nie real erfahren wird und deshalb über die Zeit hinweg entmutigt.
Hoffnung ist der Sinn für die Möglichkeit des Guten
Der Religionsphilosoph Ingolf Dalferth hat eine Formel geprägt, die den Möglichkeitssinn als wichtige Quelle der Hoffnung auf den Punkt bringt: „Hoffnung ist unser Sinn für die Möglichkeit des Guten.“ Was meint er damit?
- Sinn: Das meint zunächst eine Wahrnehmungsfähigkeit, ein Gespür, eine Empfänglichkeit. So wie wir einen Sinn für Schönheit oder einen Sinn für Humor haben können, so haben wir einen Sinn für das Mögliche. Dieser Sinn ist keine bloße Kalkulation von Wahrscheinlichkeiten. Sondern er ist eine lebendige Empfindung dafür, dass die Dinge anders und besser sein könnten, als sie jetzt sind.
- Möglichkeit: Das ist mehr als bloßer Wunsch, Phantasie oder Tagtraum. Die Möglichkeit, die wir in der Hoffnung erspüren, ist eine, die unter bestimmten Bedingungen tatsächlich eintreten könnte. Hoffnung unterscheidet sich vom Wünschen dadurch, dass sie einen Pfad zur Realisierung vermutet.
- Das Gute: Hier liegt der Wertbezug der Hoffnung. Wir hoffen nicht auf irgendwelche Veränderungen, sondern auf solche, die wir als gut, als wertvoll, als erstrebenswert erkennen. Die Hoffnung ist von Anfang an normativ aufgeladen; sie orientiert sich an dem, was zählt, was Bedeutung hat, worauf es ankommt.
Hoffnung funktioniert in einer Vorwärtsspirale
Wie funktioniert Hoffnung eigentlich? Was passiert, wenn Menschen in Hoffnung leben und handeln? Eine Beobachtung: Hoffnung ermutigt uns, in positiv bewertete Kreisläufe des Handelns einzutreten und diese Kreisläufe auf- und auszubauen. So setzt sie produktive Rückkopplungen in Gang. Das klingt abstrakt, meint aber etwas sehr Konkretes:
- Wenn wir hoffen, dann nehmen wir eine bessere Zukunft gedanklich vorweg. Diese Vorwegnahme setzt Energie frei: Motivation, Tatkraft, Aufmerksamkeit.
- Diese Energie fließt in Handlungen ein, die auf die erhoffte Zukunft gerichtet sind.
- Und wenn diese Handlungen Wirkung zeigen – auch kleine, auch vorläufige – dann bestätigt diese Wirkung unsere Hoffnung, verstärkt sie und speist neue Energie ein.
Der Kreis schließt sich auf einem höheren Niveau und dreht sich als Spirale weiter. Wo uns die Hoffnung nach vorne trägt, wo sie durch uns hindurchströmt, ausrichtet und uns Tatkraft gibt, da vermögen wir die Bilder einer wertgeschätzten Zukunft in der Gegenwart zu verwirklichen. Nicht auf einen Schlag, nicht vollständig, aber schrittweise, tastend, lernend. Jeder Schritt, der gelingt, nährt die Hoffnung für den nächsten.
Das Gegenteil – die Verzweiflung – zeigt dieselbe Kreisstruktur, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wer verzweifelt, zieht sich aus dem Engagement zurück.
- Der Rückzug führt dazu, dass sich nicht nur nichts verbessert, sondern dass die Lage sogar verschlechtert.
- Diese Verschlechterung bestätigt die Verzweiflung, vertieft sie und macht den nächsten Rückzug wahrscheinlicher.
So entsteht ein Teufelskreis, der Handlungsfähigkeit zunehmend lähmt und zerstört. Hoffnung eröffnet die Chance, Vorwärtsspiralen der Hoffnung zu pflegen. Diese Einsicht hat praktische Konsequenzen. Wenn Hoffnung wesentlich mit positiven Rückkopplungsschleifen zu tun hat, dann können wir Hoffnung kultivieren, organisieren und institutionalisieren, indem wir solche Schleifen bewusst aufbauen und pflegen. Wir können Beispiele geben und Strukturen schaffen, die hoffnungsvolles Handeln wahrscheinlicher und ihre Früchte sichtbar und erfahrbar machen. Wir können Gemeinschaften bilden, die einander im Hoffen bestärken und gemeinsam Kreisläufe des Gelingens in Gang setzen.
Hoffnung ist eine Tugend, die wir selbst kultivieren können
Theologische Traditionen haben die Hoffnung seit langem als Tugend verstanden – als eine persönliche Exzellenz, die wir entwickeln und einüben können. Diese Sichtweise verdient Wiederentdeckung.
- Tugenden sind keine angeborenen Eigenschaften, die wir einfach haben oder nicht haben. Sie sind Fähigkeiten, die durch Übung wachsen. Wer mutig werden will, muss mutige Handlungen vollziehen – erst kleinere, dann größere – bis der Mut zur zweiten Natur, zum Merkmal des Charakters wird. Wer gerecht werden will, muss gerechte Entscheidungen treffen, wieder und wieder, bis die Gerechtigkeit sich einlebt.
Mit der Hoffnung verhält es sich ebenso. Wer hoffnungsvoll werden will, muss Hoffnung praktisch einüben: planen trotz Unsicherheit, investieren trotz Risiko, beginnen trotz ungewissen Ausgangs. Jede solche Handlung trainiert die Hoffnungsfähigkeit und macht sie stärker, geschmeidiger und belastbarer.
Resilienz ist die Hartnäckigkeit der Hoffnung
Weil sie sich auf Ungewisses richtet, wird Hoffnung immer wieder enttäuscht werden. Aber Hoffnung ist eine lernfähige Haltung, die Enttäuschung verträgt. Resilienz ist dann die kreative Gewohnheit, die Hoffnung auch nach Enttäuschungen nicht zu verlieren oder sogar wieder zu gewinnen. Wer Hoffnung als Tugend praktiziert, rechnet mit Rückschlägen und hat gelernt, sie zu verarbeiten, ohne in Verzweiflung zu fallen. So kann man Hoffnungen fahren lassen, die sich als Illusionen erweisen, und neue Hoffnungen fassen, die den veränderten Umständen besser entsprechen.
Aber die Tugend der Hoffnung entwickeln wir nicht allein. Wir brauchen Gemeinschaften, die uns im Hoffen bestärken – Menschen, die uns an Möglichkeiten erinnern, wenn wir sie vergessen; die uns Geschichten eingetretener Hoffnungen erzählen, wenn wir mutlos werden; die mit uns gemeinsam an besseren Zukünften arbeiten und so unsere Resilienz nähren.
Hoffnung gedeiht besser in gemeinschaftlicher Praxis
Hoffnung ist nicht nur persönliche Kompetenz, sondern zugleich soziale Praxis. Sie entsteht zwischen Menschen, wird durch Beziehungen getragen und in Institutionen verkörpert. Religiöse Traditionen haben dies immer gewusst. Das Judentum etwa lebt aus Hoffnungsgeschichten, die zum praktischen Mitmachen und Sinnstiften einladen. Die zentralen Erzählungen – vom Auszug aus Ägypten, von der Rückkehr aus dem Exil oder vom kommenden Frieden – sind nicht bloß Berichte über Vergangenes. Sie sind Muster, die gegenwärtiges Handeln formen und auf künftiges Gelingen ausrichten. Das jüdische Ethos der Hoffnung wird erfahrbar als gemeinschaftliche Wertepraxis: eine zerbrochene Welt zu heilen und in Partnerschaft mit dem Ewigen die Schöpfung zu vollenden.
Aber auch jenseits religiöser Kontexte gilt: Hoffnung funktioniert in einem gemeinschaftlichen sinnhaften Handeln, das in der Gegenwart eine wünschenswerte Zukunft erfahrbar und wahrscheinlich macht. Sie wird vermittelt durch Handlungsgewohnheiten, durch Sitten, Verfahren und Rituale, die uns die gestaltende Teilnahme an Mitwelt, Umwelt und Nachwelt ermöglichen. So erscheint Hoffnung sowohl als Produkt als auch als Quelle bestimmter Formen des Zusammenlebens. Praktiken wie demokratische Beteiligung, faire Kooperation oder verlässliche Institutionen ermöglichen Vertrauen auf die Zukunft. Sie schaffen Bedingungen, unter denen individuelles Hoffen gedeihen und kollektive Wirkung entfalten kann. Umgekehrt erzeugen Menschen, die in Hoffnung handeln, ihrerseits solche Praktiken: Sie bauen Gewohnheiten auf, die weiteres hoffnungsvolles Handeln ermöglichen.
Hoffnung ist eine unternehmerische Aufgabe
Was bedeutet nun all dies für Unternehmen und ihre Führung? Diese Frage stellt sich der Andechser Kreis mit seinem Jahresthema 2026 „Hoffnung als unternehmerische Aufgabe“. Ich meine: Unternehmen sind Hoffnungsgemeinschaften. Sie bringen Menschen zusammen, die gemeinsam an einer besseren Zukunft arbeiten – durch bessere Produkte, bessere Dienstleistungen und bessere Lösungen für menschliche Probleme und Bedürfnisse. Jedes Unternehmen, das mehr sein will als eine bloße Geldmaschine, lebt aus der Hoffnung, einen echten Mehrwert für andere zu schaffen.
Die Aufgabe der Unternehmensführung ist es dann, produktive Rückkopplungsschleifen aufzubauen und zu pflegen, in denen Hoffnung gedeihen kann. Das bedeutet:
- Sinn stiften: einen Zweck formular und lebendig halten, der über den Profit hinausweist und zeigt, warum die Arbeit des Unternehmens zählt, welchen Beitrag sie leistet, welche bessere Zukunft sie ermöglicht.
- Wirksamkeit ermöglichen: Strukturen schaffen, in denen Menschen erfahren können, dass ihr Handeln Früchte trägt; in denen der Beitrag des Einzelnen sichtbar wird und zur Gesamtwirkung beiträgt.
- Gemeinschaft bilden: Beziehungen pflegen, die Hoffnung tragen; eine Kultur entwickeln, in der Menschen einander im Hoffen bestärken, Rückschläge gemeinsam verarbeiten und Erfolge miteinander feiern.
- Lernen organisieren: Räume eröffnen, in denen aus Erfahrungen gelernt werden kann; in denen Hoffnungen geprüft, angepasst und erneuert werden; in denen die Verbindung von Realitätssinn, Möglichkeitssinn und praktischem Wissen beständig neu hergestellt wird.
Eine so verstandene Unternehmensführung ist selbst un Akt der Hoffnung. Sie vertraut darauf, dass wirtschaftliches Handeln mehr sein kann als Nullsummenspiel. Und dass Gewinn und Sinn, Erfolg und Verantwortung, Gegenwart und Zukunft sich nicht ausschließen müssen. Sie kann sogar auf Formen des Wirtschaftens hoffen, die mehr Ressourcen schaffen als sie verbrauchen – materielle wie immaterielle, ökonomische wie soziale und ökologische. Auch das wäre ein Beitrag zur Resilienz.
Hoffnung ist Unternehmertum in schwierigen Zeiten: Eine Einladung, selbst wirksam zu werden
„Hoffnung als unternehmerische Aufgabe“ ist eine Einladung zur Hoffnung in schwieriger Zeit. Ob Klimawandel, Artensterben, geopolitische Systemkonkurrenz, technologische Umbrüche oder gesellschaftliche Polarisierung: die Herausforderungen sind groß, und die Versuchung zur Verzweiflung liegt nahe. Gerade deshalb brauchen wir ein vertieftes Verständnis dessen, was Hoffnung ist und wie sie funktioniert – eben nicht als Gefühlssache, die uns widerfährt oder ausbleibt, sondern als Praxis, die wir individuell und gemeinschaftlich einüben können. Die Hoffnung, die wir heute brauchen, muss zugleich realistisch genug sein, um die Herausforderungen in vollem Umfang anzuerkennen; neugierig genug, um neue Möglichkeiten zu erspüren; praktisch genug, um in konkretes Handeln zu münden; gemeinschaftlich genug, um Menschen zu verbinden und kollektive Kraft zu entfalten; und belastbar genug, um Rückschläge zu überstehen und sich nach Enttäuschungen zu erneuern.
Das Projekt einer sinnorientierten Unternehmensführung, wie es der Andechser Kreis verfolgt, lädt mit dem Thema Hoffnung dazu ein, eine bessere Zukunft heute schon zu vergegenwärtigen und zu verwirklichen. Es ist damit selbst ein Stück Unternehmertum für die Sache der Hoffnung – eine unternehmerische Einzahlung auf die Vorwärtsspirale der Hoffnung. Und sicher nicht die letzte dieses Jahr – dazu möchte ich mit diesen Überlegungen gerne beitragen. Machen wir das Jahr 2026 besser, als es angefangen hat!