SINNBLICKE

Ein Newsletter des Andechser Kreises für sinnorientierte Unternehmensführung

Ausgabe 4


Liebe Mitglieder und Freunde des Andechser Kreises,

die diesjährige Impulsveranstaltung hat aufgezeigt, wie wichtig es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen, um handlungsfähig zu bleiben. Die Kunst besteht darin, das Gute zu sehen ohne die Schieflagen und Rückschrittlichkeiten zu verdrängen oder schön zu reden. Alle sind sich in einem Punkt der Zeitdeutung einig: Dringlicher denn je bedarf es Unternehmerinnen und Führungskräften, die Zuversicht wahren und Farbe bekennen.

Klare Position bezieht der Andechser Kreis mit der „Charta für sinnorientiertes Unternehmertum". Letztere versteht sich als ein Anfang auf einer (Lern) Reise, auf der andere Mitreisende und neue Mitdenker stets willkommen sind. Unser großer Dank gilt den Mitgliedern und Beiräten, die den Lernprozess vorantreiben und tatkräftig dazu beitragen, dass die Botschaft des Unternehmertums mit Sinn immer hörbarer wird.

Nähren Sie Ihren Optimismus mit den Beiträgen des Newsletters: den Thesen der Referenten der Impulsveranstaltung, den Aussagen des aus Tradition sinnorientierten Unternehmers Stefan Hipp, den Gedanken von Dr. Günther Bachmann zum „gelingenden Konflikt" und dem Ausblick auf die Veranstaltungen 2026 zum Leitthema „Hoffnung".

Ein friedliches Weihnachtsfest wünschen,
Norbert Herrmann und Agostino Cisco
Vorstände des Andechser Kreises

Das erwartet Sie in dieser Ausgabe:


Die Zeichen der Zeit erkennen oder die Kunst das Gute zu sehen

Von Agostino Cisco

Frühzeitig Anzeichen für ernsthafte Erkrankungen wahrnehmen, kann Leben retten. Wie in der Medizin so ist auch im Wirtschaftsleben Vorsorge nötig, um Wettbewerbsfähigkeit mittel- und langfristig zu sichern. Doch das Motto der diesjährigen Impulsveranstaltung des Andechser Kreis „Die Zeichen der Zeit erkennen" reicht noch einen Schritt weiter. Wer Zeitzeichen erkennt, soll nicht nur das Schlimmste verhindern, sondern daraus sinngeleitetes Handeln ableiten können, also ermutigt und gestärkt Zukunft gestalten. In welcher Verfassung sich die Welt auch immer befinden mag.

Chancen statt Risiken

„Trotz allem: Mehr Chancen als Risiken" lautete konsequenterweise die These des renommierten Arbeitsmarktforschers Prof. Dr. Enzo Weber. Seiner Auffassung nach ist der derzeitige „Hänger" in der Wirtschaftsentwicklung ein Zeichen für eine tiefere „Erneuerungskrise", in der die Industrie vor Neugründungen und Transformationsfieber geradezu vibrieren müsste. Das Problem liegt nicht im vergleichsweisen überschaubaren Verlust von Arbeitsplätzen in bewährten Wirtschaftszweigen, sondern eben in der Schwäche das Neue zu entwickeln.

Exemplarisch für das derzeitige unternehmerische Zaudern ist nach Ansicht von Prof. Weber der Umgang mit KI, vor der meist wie von einer Naturkatastrophe berichtet wird. Kaum steht dem Arbeitsmarkt die neue Generation von digital natives zur Verfügung, werden ausgerechnet die Einstiegsjobs für die ersehnten Akteure der Digitalisierung durch die KI eingespart. Dabei ist menschliche Intelligenz durch die kontinuierliche Zunahme von Komplexität so gefragt wie nie. Betriebe und Bewerber müssten endlich begreifen, dass heutzutage die Softskills die eigentlichen Hardskills sind.

Neben der kreativen Integration neuer Generationen benennt Prof. Weber zwei weitere wirtschaftspolitische Hebel mit beträchtlichem Potential – „Weitermachen anstatt Frührente" sowie „Gleichstellung ist Geschäft". Die Rentendebatte führt auf Abwegen; denn im Kern gehe es vielmehr um eine Bildungsoffensive für Beschäftige mittleren Alters, damit Kompetenz und Produktivität bis in höhere Lebensalter erhalten bleibt. Derlei beschäftigungsstrategisches Umdenken ist gleichermaßen in Bezug auf die Gestaltung von Berufskarrieren von Frauen nötig, die häufig nicht entschieden genug aus dem statistischen „Kinder-Knick" herausfinden.

Die geheime Botschaft der KI

Zeitungen und Fernsehsender verbreiten nicht nur Nachrichten über die Weltlage, sondern stellen selbst eine Botschaft an die Welt dar. „The medium is the message", wie es der Gründer der Medienwissenschaft Marshall McLuhan formuliert hat. Diese Erkenntnis überträgt der Medienwissenschaftler und Buchautor Prof. Dr. Roberto Simanowski auf das neue Massenphänomen der KI. Diese sei auch ein „Dazwischen", ein Medium eben, zwischen Mensch und Realität.

„Die geheime Botschaft der KI", so der Titel des aktuellen Bestsellers von Prof. Simanowski, ist die Simplifizierung des Denkens. Je denkfauler wir werden, desto mehr erhöhen sich unsere „kognitive Schulden" gegenüber der Technologie, wie es der Autor ausdrückt, je mehr verlieren wir die Fähigkeit eigenständig zu denken und zu schreiben. Um nicht in einen voraufklärerischen Obskurantismus zu verfallen, müssen wir nicht nur die KI zu nutzen lernen, bspw. durch eine „Promptologie der Zukunft", sondern auch die Voraussetzungen der Technologie besser kennen und reflektieren.

Dabei ist zunächst die Einsicht wichtig, was den „stochastischen Papagei", also das statistisch berechnete Generieren von Aussagen, ausmacht: es wiederholt das an Inhalt, wovon am meisten im Netz vorhanden ist. KI versteht nicht die Aussagen, sondern sie versteht, dass „Wörter bzw. Wortfolgen nah beieinander sind". Verstehen ist und bleibt ein Alleinstellungsmerkmal menschlicher Intelligenz.

Innovation und Unternehmertum

Auf die Frage von Prof. Weber – „Welche große Unternehmen von morgen werden derzeit in Deutschland gegründet?" wusste Thomas Zeller, Geschäftsführer und Chief Digital Officer bei UnternehmerTUM in München, kompetente Antwort zu geben. Die gemeinnützige Plattform vernetzt die schöpferische Energie von Industrieunternehmen mit der von ca. 40-tausend Studierenden der TU München und überführt sie in ein neues Unternehmertum.

Eine besondere Spezialität des TUM besteht in der Beschleunigung sozialer Innovation unter dem Stichwort „social impact republic" mittels der Schaffung eines sogenannten Impact Board. Im Kern geht es um die staatliche Förderung und Finanzierung von Startups, die durch digitale Konzepte und Tools den Verwaltungsaufwand im Wohlfahrtsystems zu rationalisieren versprechen.


Interview mit Hans Schöpflin: Sinn durch Geben

Ein Höhepunkt des Impulstages stellte das Interview mit Hans Schöpflin dar, in dem das Lebenswerk des bedeutenden Philanthropen im Fokus stand. Die 2001 in Lörrach gegründete Schöpflin-Stiftung wurde 2020 mit dem Deutschen Stifterpreis ausgezeichnet.

Auf die Frage von Frau Krohn, was denn der Sinn von Geld sei, antwortete Schöpflin mit der Erinnerung an seine schmerzlichste persönliche Erfahrung. Sein Sohn ist im Alter von 19 Jahren an übermäßigen Heroinkonsum verstorben. Der Vorwurf „du warst als Vater nie da", hat Schöpflin nicht gleichgültig gelassen und so ist in ihm die Erkenntnis gereift, dass die Zeit zum „Zurückgeben" seiner Fortune gekommen war.

Sinnfindung ist für ihn „metanoia", sprich Sinn ist mit dem Gewinn einer veränderten Weltsicht verbunden. Das bedenklichste Zeichen unserer Zeit ist für Schöpflin die Gefährdung der Demokratie. Was muss noch passieren, fragt Schöpflin provozierend in die Runde, damit das wirtschaftliche Potential in diesem Lande mobilisiert wird, um das hohe Gut der Demokratie zu wahren?


Zeit für mich – Philosophische Werkstatt

Immer größerem Zuspruch erfreut sich der Vortag zur Impulsveranstaltung als ein Angebot sich Zeit für sich zu nehmen. Die diesjährige philosophische Werkstatt von Agostino Cisco folgte den Spuren zweier profunder Zeitdeuter: dem Kirchenvater Augustinus und dem Philosophen Martin Heidegger. Nach deren Auffassung wird Sinn nicht durch äußere Zeit-Umstände, sondern durch Einsicht gestiftet. Abt Johannes Eckert wies darauf hin, dass Sinnsuche in bewegten Zeiten gemäß benediktinischer Tradition die Reduktion auf das Wesentliche sowie ein aktives Hinhören auf sich, auf andere und auf die Welt abverlangt.


Interview mit Stefan Hipp

"Eine Charta zu haben ist das eine, sie mit Leben zu füllen das andere."

Interview mit Stefan Hipp, Geschäftsführer Babykost-Hersteller HiPP

Andechser Kreis (AK): Was hat Sie bewogen, eine Hipp-Ethik-Charta zu verfassen?

Stefan Hipp (SH): In den späten 1990er Jahren wurden die negativen Folgen einer kapitalgetriebenen Wirtschaft im Sinne kurzfristiger Gewinnmaximierung sichtbar. Langfristige soziale und ökologische Verantwortung waren vernachlässigt worden. Diese Entwicklung hatten wir uns als Unternehmen, das bewusst in christlicher Tradition steht, zum Anlass genommen und ein internes Ethik-Management eingeführt. Seit 1999 haben wir eine eigene HiPP Ethik-Charta formuliert. Sie basiert auf der Verantwortung gegenüber Mensch, Natur und Umwelt.

AK: Welche positive Wirkung kann Ihre Charta nach innen entfalten – was sagen Ihre Mitarbeitenden und Führungskräfte dazu?

SH: Jeder Mitarbeiter erhält bei seiner Einstellung die HiPP Ethik-Charta. Sie bildet die Basis für unser Verhalten gegenüber Mitarbeitern, dem Markt, Staat, der Gesellschaft und Umwelt. Das menschliche Zusammenleben wird einfacher, wenn wir uns an bestehenden Regeln ausrichten können. Unsere Mitarbeiter, aber auch alle Partner, kennen so ihre Rechte und Pflichten. Führungskräfte erleben die Charta als Orientierungshilfe im Alltag. Sie stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation mit unserem Unternehmen.

AK: Welchen Rat können Sie Unternehmerinnen und Unternehmern geben, die ebenfalls eine Unternehmenscharta erstellen möchten?

SH: Jeder Unternehmer muss das für sich selbst entscheiden und auf sein Unternehmen individuell anpassen. Beispielsweise kann es hilfreich sein, die Charta zusammen mit seinen Mitarbeitern zu entwickeln und nicht nur von oben vorzugeben. Das fördert die eigene Selbstverpflichtung und erhöht die Bereitschaft, diese im Alltag zu leben.

AK: Welche Erfahrungen haben Sie mit der Außenwirkung der Hipp-Ethik-Charta gemacht?

SH: Eine Charta zu haben ist das eine, sie mit Leben zu füllen das andere. Kommt beides zusammen, entsteht eine Unternehmenskultur, die auch nach außen spürbar ist. Bei Vorstellungsgesprächen nehmen wir positiv wahr, dass sich Kandidaten mit der HiPP Ethik Charta auseinandersetzen und unsere Werte ein entscheidender Grund für ihre Bewerbung bei HiPP sind.

Die HiPP Unternehmens-Philosophie

Als führender Hersteller von Babynahrung trägt HiPP besondere Verantwortung. Nachhaltigkeit steht daher im Mittelpunkt der Unternehmensphilosophie. Dazu gehören die langfristige Ausrichtung des unternehmerischen Handelns, der schonende Umgang mit Ressourcen und Umwelt ebenso wie gesellschaftliche Verantwortung und ein soziales Miteinander. Mehr Informationen: www.hipp.de


Konflikte nerven! Es lebe der Konflikt!

Gastbeitrag von Prof. Dr.-Ing. Günther Bachmann, Vorstand des Deutschen Nachhaltigkeitspreises und Beiratsmitglied im Andechser Kreis

Der Sinn und der Konflikt sind verwandt. Alles, was wir als sinnvoll und gut ansehen, war zuvor Teil eines Konfliktes, der überwunden, geklärt, beigelegt oder gelöst wurde. Der Konflikt war einst die Währung der Demokratie. Heute leidet diese Währung unter Wertverlust und Vertrauensschwund. Aber statt sich zu verständigen und Konflikte zu lösen, leben viele Einrichtungen und Gruppen exakt von dem, was nervt: Vom Konflikt und nicht von dessen Beilegung.

Bewohnte Konflikte

Wenn Konfliktparteien eine Lösung überhaupt nicht anstreben oder sie geradezu unterbinden, nenne ich diesen Vorgang einen bewohnten Konflikt. Sie versprechen sich von der Fortdauer des Konfliktes mehr als von dessen Fortfall. Unabhängig davon, dass in der Öffentlichkeit und aus taktischen Gründen gelegentlich Anderes behauptet wird, bildet sich eine Konfliktpriesterschaft heraus. Diese agiert selbstsicher, weil kritische andere Sichtweisen, die von außen herangetragen werden, zuverlässig verdrängt oder rhetorisch als Störungen abgetan werden.

Die Konflikt-Priesterschaft bewacht den Konflikt. Sie verteidigt sich nach außen, indem sie Regeln setzt, zum Beispiel regelt sie, was „sagbar" ist und was als konform gilt. Wenn früher Menschen nachgesagt wurde, sie seien streitbar, galt das als Lob und Anerkennung. Heute ist man mit derselben Haltung eher streitsüchtig, eine Krawallbürste, ein Streithansel.

Äußere Bedrohungen erzeugen Konformität im Inneren. Die Bedrohung von Ordnung wirkt als großer Gleichmacher. Sie verunsichert stark, weil sie unbekannt ist und ihre Folgen kaum abschätzbar sind. Darauf reagieren die betroffenen Menschen im Allgemeinen durch Angleichung ihrer Haltungen. Sie suchen Zuflucht in einer Wagenburg.

Generell ist die Transformation der Energiewirtschaft und der Basisindustrien Chemie, Stahl, Mobilität ein für bewohnte Konflikte geeignetes Feld. Erkennen kann man einen bewohnten Konflikte oft schon daran, dass er stark moralisiert wird. Weil man eigentlich ja keine Lösung anstrebt, dies aber nicht öffentlich bekennt, schafft man einen Überbau von moralisch Besitzständen: In Form von Schuldzuweisungen und „Entlarvungen".

Der gelingende Konflikt

Es gibt keinen stabilen Konsens ohne einen vorausgehenden, ernsthaften Konflikt. Jeder stabil-robuste Konsens setzt voraus, dass man einen veritablen Konflikt in gemeinsamen Schritten bearbeitet hat. Die Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften macht „Konflikte lösen!" zu ihrem Jahresthema 2025/26.

Freundlichkeit

Zum demokratischen Konflikt gehört die Einhaltung von Prozess-Regeln, vor allem aber Empathie und Gefühl in der Verhandlungsführung. Konflikte werden produktiv, wenn hinter der Sachposition der handelnde Mensch gesehen und erkannt wird. Ein zuweilen großzügiges, entspanntes und freundliches Herangehen erleichtert das. Diese Freundlichkeit ist das Gegenteil zum Binnenklima im Bewohnten Konflikt.

Sollte es beispielhaft gelingen, einen Konflikt positiv nutzbar zu machen – etwa bei der Dekarbonisierung oder beim Übergang in immer mehr Kreislaufwirtschaft – dann könnte man den Konflikt hochleben lassen. Man würde sich auf den nächsten Konflikt freuen. Es lebe der Konflikt, würde man sagen, weil seine Lösung die Demokratie stärken würde.


Ausblick auf unsere Veranstaltungen

Lunch & Learn Sessions

Termine: Einmal pro Quartal (13.3. / 19.6. / 21.9.)
Format: Digital
In unseren neuen digitalen Lunch & Learn Sessions sprechen wir mit Unternehmern & Experten zu verschiedenen Themen wie u.a. „Unternehmerisches Handeln – Vorbild oder Utopie ein ehrbarer Kaufmann?" oder „Sicherheit first – wie real ist die Bedrohung des Friedens?"

Lernexkursion nach Padua

Termin: Ende Juni / Anfang Juli 2026
Unter dem Motto "Unternehmerisches Handeln zwischen Tugenden und Laster" fahren wir zur weltberühmten Scrovegni-Kapelle mit dem Maler Giotto in Padua (Italien).

Work in progress - Sinnorientierte Unternehmensführung in der Praxis

Termin: 24.09. - 25.09.2026
Ort: Abtei Frauenwörth Chiemsee
Workshop für HR-ExpertInnen, Gründerinnen und Unternehmerinnen. Gemeinsam sprechen wir über konkrete Projekte und Beispiele für unternehmerischen Wirken.

Impulsveranstaltung 2026

Termin: 17.11. - 18.11.2026
Ort: Kloster Andechs
"Hoffnung" ist das Motto unserer Impulsveranstaltung 2026.

Mehr Informationen unter: https://andechser-kreis.org/veranstaltungen/


Sinnvolle Buch- und Medientipps

Purpose: Nur ein Schlagwort - oder echter Unternehmensmotor?

Beitrag von Prof. Dr. Claas Christian Germelmann und Dr. Andreas Winter. Die Autoren haben auf Grundlage ihrer Forschung ein Purpose Canvas entwickelt, das dabei hilft, den Purpose gezielt umzusetzen.

Gerechtigkeit - Wie wir unsere Gesellschaft zusammenhalten

Herder Verlag 2025
Prof. Nils Goldschmidt, der neue Direktor des Weltethos-Institut in Tübingen, legt als Herausgeber dieses Interview-Sammelbandes sein gesellschaftspolitisches Bekenntnis ab.

Wie Investor Hans Schöpflin die Demokratie retten will

Artikel von Sonja Banze, manager magazin Reichstenheft 1/2025
Ein lesenswerter Bericht über das breitgefächerte Engagement des Philanthropen Hans Schöpflin und seiner Stiftung.